Acht Wochen Urlaub am Stück gibt’s nicht? Heute heißt es Sabbatical, aber damals, im Jahr 1918 und bei den Ereignissen, von denen das Buch handelt, kam es gar nicht so selten vor und nannte sich Sommerfrische. Einzige, aber entscheidende Bedingung: Man musste wie der Schriftsteller Thomas Mann zum gehobenen Bürgertum zählen (und in dem Fall von den vermögenden Schwiegereltern unterstützt werden). Dass sich damals kleine Angestellte wie unsereins, Krankenschwestern, Handwerker oder Dienstboten Gedanken um ihre Work-Life-Balance machten, ist dagegen nicht überliefert.
Thomas Mann verlebte also einen prächtigen Sommer 1918 im mondänen Ferienhaus („Villa Defregger“) am Tegernsee und mit den von zu Hause aus München mitgebrachten Dienstboten. Noch allerdings herrschte der Erste Weltkrieg und selbst für wohlsituierte Menschen wie die Manns wurden die Lebensmittel knapp. Doch in den Alltagsschilderungen von Kerstin Holzer liegt der Reiz des Buchs: Wie die Kinder Schnecken sammeln und kochen, um mehr zwischen den Kiemen zu haben; wie Ehefrau Katia Einkaufstouren zu den Bauern in der Umgebung machen muss; welche Beschwerden den großen Autor plagen; oder wie ihm nach wenigen Tagen Besuch Katias Eltern Hedwig und Alfred Pringsheim auf die Nerven gehen. Dazu liefert die Autorin eine Biographie des zu dem Zeitpunkt 43 Jahre alten Thomas Mann und beschreibt, wie er wurde, was er war. Und sie erzählt witzige Anekdoten von der damals dort ansässigen Künstlerkolonie. Vom großen (und schweren) Opernsänger Leo Slezak zum Beispiel heißt es: „Wenn er morgens um fünf in den See hüpfe, trete am gegenüberliegenden Ufer der See über, und die Leute sagten: Aha, der Kammersänger badet.“ Das Buch ist eine heitere, lehrreiche Lektüre und wie für den Urlaub gemacht – aber mit Thomas Mann und 1918 tauschen? Lieber nicht.

Foto: Verlag
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