Nein, eingefleischte Moralisten werden mit diesem Pariser Sittengemälde aus dem Jahr 1885 wenig anfangen können. Denn trotz ihres überwiegend heiteren Tons schildert die Aufsteigergeschichte, wie der talentierte und gutaussehende, aber skrupellose Georges Duroy seinen Schlag bei Frauen auch beruflich ausspielt – und sich die Karriereleiter nach oben schläft (und heiratet). Den Anstoß gibt wie so oft im Leben eine schicksalhafte Begegnung, als nämlich der ehemalige Unteroffizier zufällig einen früheren Militärkameraden und jetzt aufstrebenden Journalisten trifft. Von da an ist der Weg des Bauernsohns Duroy vorgezeichnet; anstatt als kleiner Angestellter bei der „Nordbahn“ zu versauern, bringt er es zum Chefredakteur, mit der berechtigten Aussicht, in die Politik zu wechseln und in der Folge ein Abgeordnetenmandat oder einen Ministersessel zu ergattern…
Allen menschlichen Niederungen zum Trotz überwölbt den Roman (sein Autor steht in einer Reihe mit Klassikern wie Emile Zola, Honore de Balzac und Gustave Flaubert) eine höhere Gerechtigkeit. Duroy benutzt (fast) nur Personen, die sich seiner bedienen wollten, als prominentestes Beispiel seine erste Ehefrau, die ihn mit einem Minister betrügt. Als er sich nach einem waghalsigen Manöver von ihr scheiden lässt, wird der Weg frei für die Heirat mit der „verwöhnten“ Tochter des Verlegers, einer „Puppenseele“. Den Zeitungsmann wiederum hat Duroy zuvor durch Artikel für Spekulationsgeschäfte und politische Winkelzüge reich gemacht. Seiner ersten (übrigens selbst verheirateten) Geliebten hält der Emporkömmling sogar eine Art von Treue. Auf der Strecke bleibt nur die Frau des Verlegers, die „alte Scharteke“, weil sie als einzige an große Gefühle glaubt. So erzählt „Bel Ami“ nebenbei viel über die so genannte Stadt der Liebe: ohne Sentimentalität, ohne Klischees, von vielen Facetten und einem Spurenelement – Moral.

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